Wie riecht „Winter­son­nen­licht“? Woran erkenne ich die Qualität von gutem Weihrauch und welche Schätze für das eigene Räucher­kästchen schlummern fast vergessen in heimi­schen Wäldern? Die Antwort auf diese und mehr Fragen geben die Autorinnen Christine Fuchs und Caroline Maxelon, welche uns aus erster Hand etwas über das Buch erzählt, in ihrem Buch „Räuchern mit Weihrauch und heimi­schen Harzen“.

Titelbild für Web

Wer sich dieser Tage inten­siver mit natur­spi­ri­tu­ellen Philo­so­phien, Brauchtum und (Natur-) Mysti­zismus ausein­an­der­setzt, der wird früher oder später auf das komplexe Thema „Räuchern“ stoßen. So vielge­staltig und tiefgreifend die Erfah­rungen sind, die man mit dem Freisetzen des Pflan­zen­geistes durch Verräu­chern erleben kann, so groß ist mittler­weile auch das Angebot an Literatur zu dem derzeit populären Thema. 

Von Ratgebern, die sich speziell nur mit Räuche­rungen zu bestimmten Jahres­kreis­festen ausein­an­der­setzen, bis hin zu Werken mit schama­ni­schem Grund­tenor, steht dem geneigten Leser eine unglaublich große Vielfalt an Perspek­tiven, Autoren und Infor­ma­tionen zur Verfügung. Einen ganz besonders wertvollen Beitrag zu diesem litera­ri­schen Kosmos liefern jedoch die Autorinnen Christine Fuchs und Caroline Maxelon mit ihrem Werk „Räuchern mit Weihrauch und heimi­schen Harzen“, welches wir euch im folgenden wärmstens ans Herz legen wollen.

Räuchern mit Weihrauch und heimi­schen Harzen“ entstammt der gemeinsam geführten Feder zweier absoluter Exper­tinnen auf dem Gebiet des Räucherns. Vor allem Christine Fuchs dürfte dem ein oder anderen ein Begriff sein. Mit mittler­weile 6 Büchern zum Thema und ihrem Online-Shop labdanum.de hat sich Christine Fuchs inzwi­schen deutsch­landweit als „das Gesicht“ des Räucherns etabliert. Durch Kolla­bo­ra­tionen mit Christian Rätsch und weiteren Co-Autoren erweitert sie darüber hinaus regel­mäßig die Perspektive auf den großen Komplex der Räucher­pflanzen. 

Einer solchen frucht­baren Koope­ration ist es auch zu verdanken, dass die Ethno­login und natur­spi­ri­tuelle Künst­lerin Caroline Maxelon über Publi­ka­tionen auf ihrem eigenen Blog www.bussardflug.de hinaus die Gelegenheit erhalten hat, ihr fundiertes Fachwissen mit der Öffent­lichkeit zu teilen. Wir konnten Caroline Maxelon im Rahmen unserer Buchemp­fehlung für ein paar Worte zum Buch und zu ihrer Person gewinnen.

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Interview mit Caroline Maxelon

Hallo Caroline! Schön dass du die Zeit finden konntest, uns aus erster Hand etwas über dieses doch recht außer­ge­wöhn­liche Buchprojekt zu erzählen! 

Meines Wissens nach stellt „Räuchern mit Weihrauch und heimi­schen Harzen“ den ersten Versuch seiner Art dar, die lange Räucher­tra­dition des Orients und die des urtüm­lichen Occidents mitein­ander in Verbindung zu setzen. Wie kam es zu dieser spannenden Idee und wie hast du zu dem Projekt gefunden? 

Die Idee basiert darauf, dass heimische Harze in vergan­gener Zeit und sogar bis heute als „Waldweih­rauch“ bezeichnet und auf dieselbe Weise wie Weihrauch verwendet werden, sowohl in der Räucher­kunde als auch in der Volks­me­dizin. Letzt­endlich haben die heimi­schen Harze für die europäi­schen Urkul­turen genau dieselbe kultu­relle Bedeutung, die das Weihrauch-Harz (Olibanum) für die orien­ta­li­schen Kulturen hat. Da bis heute heimische Harze immer noch unter dem Handels­namen „Waldweih­rauch“ angeboten werden und noch nie intensiv und explizit über die heimi­schen Harze veröf­fent­licht wurde, bot es sich an, die Brücke vom echten Weihrauch zum Waldweih­rauch zu schlagen. Insbe­sondere auch deswegen, weil sowohl das Interesse an Weihrauch, als auch das Interesse an der heimi­schen Räucher­tra­dition mit ihren Harzen, Hölzern und Kräutern im Moment extrem groß ist.

Ich kam durch mein langjäh­riges Sammeln und Archi­vieren von Räucher­stoffen aus der ganzen Welt zu dem Projekt, da ich Christine Fuchs schon eine ganze Weile persönlich kenne und außerdem schon immer davon gesprochen habe, eines Tages als Ethno­login Bücher zu meinen liebsten Themen zu schreiben; auf eine Art und Weise, die es davor noch nicht gab. Meine Arbeit war ein idealer Grund­stein für dieses Buch, nur so konnten zu den fundierten allge­meinen Infor­ma­tionen all die verschie­denen Weihrauch­harze in Wort und Bild überhaupt präsen­tiert werden und die gemeinsame Motivation und Freude war eindeutig vorhanden…

Gleich­zeitig bot mir das Buch dann die Gelegenheit, europäisch orien­tierte Natur­spi­ri­tua­lität und die heimi­schen Harze einzu­bringen und hiermit Neues zu schaffen.

Das bedeutet, in diesem Grund­la­genwerk liegt mit der Ausrichtung auf die europäi­schen Natur­spi­ri­tua­lität sozusagen eine Meta-Ebene verborgen? Gerade diese urtüm­liche Form der Spiri­tua­lität ist es ja, die die Leser des Eiben­reiters inter­es­siert. Vielleicht kannst du uns in diesem Zusam­menhang kurz deinen eigenen Weg in diese erdige Form der Spiri­tua­lität umreißen?

Ich trage diese Art der Natur­spi­ri­tua­lität in mir, seitdem ich denken kann und ich war schon immer „anders“, weder Äußer­lich­keiten noch soziale Bemühungen konnten dies letzt­endlich wirklich ändern. Es ist ganz einfach existent, es ist mein Wesen, mein Sein. So ging ich bereits als Kind allein (und damals selbst­ver­ständlich unerlaubt) in die Wälder, wo ich einfach sein konnte und die Atmosphäre der Ruhe und Gebor­genheit fand, die ich unter Menschen nur selten hatte. Die Pflanzen, das Wild und die gesamte Natur, jeder Stein und die Gewässer, Wetter und Gestirne, das Land als solches… waren schon immer in steter Resonanz mit mir und meine Lehrer und Begleiter. Ich wusste um die Gegenwart der Mächte, die Alles in der Natur durch­wirken, selbst wenn ich damals noch lange nicht so weit war, sie zu verstehen. Trotz dass ich in meinem Leben auch einen Weg der Wissen­schaft einge­schlagen habe, die letzt­endlich mein natur­spi­ri­tu­elles Spektrum erweitert und umgekehrt, war auch immer die Anderswelt da — diese Präsenz des Göttlichen, Jensei­tigen, Unsicht­baren, das keine Worte angemessen beschreiben können. Es begleitet mich, es führt mich und es gibt mir Antworten, es gibt meinem Leben seinen Sinn. Die Natur und die Wälder haben mir Alles gegeben und Alles ermög­licht, wenn die richtige Zeit kam. Doch ich wusste auch immer, dass es nicht allein für mich war, sondern dass ich eine Aufgabe habe, die ich heute leben kann und zum Beispiel in Büchern verwirk­liche.

Danke für diesen detail­lierten Einblick in deinen außer­ge­wöhn­lichen Werdegang! Diese sich gegen­seitig befruch­tende Beziehung zwischen Wissen­schaft und Anderswelt schlägt sich ja schluss­endlich auch im prakti­schen Teil des Buches in Forme der Rezepte nieder. Da finden sich ethno­bo­ta­nische und volks­me­di­zi­nische Ansätze genauso wieder, wie schama­nische Anteile. Nimm uns doch z.B. auf einen kleinen Spaziergang mit in „Wotans Wälder“. Wie hat sich der Entwick­lungs­prozess dieser Räucher­mi­schung gestaltet? Steckt da eventuell eine eigene Geschichte dahinter?

Die Räucherung „Wotans Wälder“ ist eine Räucherung meiner Heimat, sie entstand im Odenwald. Die Wissen­schaft mag sich darüber uneinig sein, ob sich hier der Name vom Gott Odin ableitet oder nicht, doch für mich reflek­tiert sich das sehr deutlich in der Natur. Es sind die süddeut­schen Wälder Odins oder Wotans, wie auch immer wir ihm nennen möchten; es sind mystische Wälder. Keine Wanderung dort ohne die Raben, deren Rufe am weiten Himmel über den Höhen klingen und in den heiligen Hainen zwischen Birken und Nadel­hölzern leuchten im Novem­ber­nebel die Fliegen­pilze. Viele besondere Pflanzen, gerade für die Räucher­kunst, finden sich im Odenwald. Diese Rezeptur spiegelt auf der Pflan­zen­ebene den Charakter des Odenwaldes wieder, wie er sich stets dem Wanderer zwischen dieser und der jensei­tigen Welt präsen­tiert und die Räucher­stoffe für diese Mischung sind im Odenwald immer leicht zu finden. Die Räucherung habe ich auf zahlreichen medita­tiven Wande­rungen und bei schama­ni­scher Arbeit im Odenwald bekommen und persönlich ergänze ich sie je nach Situation noch gern mit Stech­pal­men­blättern, weiteren Harzen, Beifuß oder anderen Kräutern, eben je nachdem, zu welchen rituellen Zwecken ich sie anwende und welche meiner Kraftort im Odenwald ich besuche.

Aber du beschäf­tigst dich laut deiner Vita und dem was man auf deiner Website lesen kann, nicht nur mit der Ethno­bo­tanik und dem Sammeln von Räucher­pflanzen. Da scheint ja momentan ein weiteres spannendes Buch zu entstehen, das sich mit schama­ni­schen Ritual­ge­gen­ständen befasst. Würdest du dein gesamtes Wirken denn als grund­sätzlich Schama­nisch bezeichnen? Ist auch die Weitergabe von Natur­weisheit, wie du es ja mit deinen umfassend authen­ti­schen Publi­ka­tionen tust, als Teil schama­ni­schen Handwerks zu verstehen? 

Tatsächlich arbeite ich nicht nur mit Pflanzen natur­spi­ri­tuell, sondern mit fast Allem, das die Natur uns gibt. Neben der Räucher­pflan­zen­kunde gehören Wild und Tierkulte genauso dazu wie faszi­nie­rende Objekte aus dem Minera­li­en­reich und noch so viel mehr… All das bildet für mich eine harmo­nische Einheit, mit der ich wissen­schaftlich, natur­spi­ri­tuell, künst­le­risch und ganz persönlich in Resonanz treten kann, die ich tatsächlich lebe. Mich haben rituelle Praktiken, bei denen Dinge aus der Natur verwendet werden, weil sie eine direkte magische Verbindung zur Natur und ihrer Geisterwelt herstellen und deswegen sakrale Gegen­stände sind, schon immer faszi­niert und angezogen und es war für mich schon immer ganz natürlich, ihre Kraft wahrzu­nehmen und sie herzu­stellen und zu verwenden. Es ist die Beseeltheit der gesamten Natur, die hier wirkt. Sicher kommen dabei Weltbilder zum Vorschein, die allen Kulturen, die wir als „schama­nisch“ bezeichnen, gemeinsam sind. Es ist richtig, solche Praktiken und auch das Wissen darum als „schama­nische Arbeit“ zu bezeichnen, aber sie machen uns anders herum nicht automa­tisch zu „Schamanen“. Die Bewahrung und Weitergabe von natur­spi­ri­tu­ellem Wissen ist gerade in unserer heutigen Zeit sehr wichtig und es ist sicher die Bestimmung mancher Menschen, die sich dazu sowohl univer­saler als auch kultur­spe­zi­fi­scher schama­ni­scher Techniken bedienen. Dies hängt aber nicht von einer Selbst­be­ti­telung oder von bestimmten Begriffen ab. Echte Schamanen müssen sich nicht so nennen und besuchen keine Akademien, um zu werden, wozu sie bestimmt sind. Sie sind und folgen ihrer Bestimmung, auser­wählt nur von der Natur allein. So ist das mit der Weisheit der Natur und ihren Botschaftern auch. Ihr Werk und Wirken ist wichtig, wie auch immer man es nennen möchte…

Da wir dich jetzt nicht nur als Autorin von „Räuchern mit Weihrauch und heimi­schen Harzen“ ein wenig näher kennen­lernen durften, sondern auch als jemanden der europäische Natur­spi­ri­tua­lität nicht nur erforscht, sondern auch authen­tisch lebt, ist es mir eine besonders große Ehre, dich als regel­mäßige Gastau­torin für unser Magazin anzukün­digen! 

Vielleicht verrätst du uns als abschlie­ßendes Statement, wie nahe dir die „dunkle Seite“ der Natur ist und wie du unser Magazin mit deinem großen Erfahrung und Wissens­schatz künftig berei­chern wirst? 

Für mich ist die dunkle Seite der Natur, aber auch von meinem Selbst, ein aktiver Teil des Lebens und damit unter­scheide ich mich doch ganz extrem vom „Licht und Liebe“-Motto, welches die aktuelle natur­spi­ri­tuelle Szene überwiegend bestimmt und ihren Kommerz fördert. Ich habe erkannt, dass in der Finsternis des Lebens, deren Phasen genauso dazuge­hören wie die hellen, die Natur sehr viel Wissen und Kraft für uns bereit­halten kann, wenn wir bereit sind, uns dem Dunklen zu stellen und vor ihm zu bestehen. Dies geschieht nie in der Sorglo­sigkeit und Verklärtheit von „Licht und Liebe“. Erst wenn das Licht aus ist und wir alleine und ungeliebt sind, wenn wir also tatsächlich gefordert sind und ganz bei uns selbst, können wir erkennen, unsere Stärken erlangen und unser Potenzial verwirk­lichen, genau dann finden wir unsere Bestimmung und damit unser Heil. Die Natur hat gewiss kein Mitleid mit ihren Geschöpfen, aber sie behandelt doch Alle gleich und ermög­licht allen Suchenden den Pfad zu ihrer Weisheit, ohne über sie zu urteilen oder sie wegen Äußer­lich­keiten und Klischees auszu­schließen. Für mich und mein Werk ist die dunkle Seite der Natur dahin­gehend bestimmend, dass durch sie und die Verehrung ihres zerstö­re­ri­schen Poten­zials mein ganzes schöp­fe­ri­sches Potenzial entsteht. Aber ich möchte nicht weiter vorgreifen, denn dieses Thema wird in meinem ersten Artikel über ‚Dunkle Natur­spi­ri­tua­lität‘ noch ausführlich zur Sprache kommen.

Ansonsten werde ich das Magazin mit Inspi­ra­tionen aus der Welt der Räucher­pflanzen genauso berei­chern wie mit altem Wissen aus dem Jahres­kreis und Einblicken in viele meiner Themen­schwer­punkte. Lasst euch überra­schen!

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Ein tiefer und grundlegender Einblick in die Welt der Harze

Mit „Räuchern mit Weihrauch und heimi­schen Harzen“ liegt uns ein wertvolles Werk vor, das eine Brücke schlägt zwischen den sakralen Weihrauch­düften des exoti­schen Orients und den feinstoff­lichen Signa­turen der uns vertrauten Baumharze aus heimat­lichen Wäldern. Dabei vermitteln die Autorinnen auf über 120 Seiten nicht nur fundiertes und auf eigenen Erfah­rungen fußendes Hinter­grund­wissen zur Verwendung der Harze in Ritual und heiligen Zeremonien, sondern ermög­lichen den allum­fäng­lichen Einstieg in die faszi­nie­rende Welt des heiligen Baumblutes, das die Menschen des Orients und des Occidents in sakraler Art und Weise verbindet. 

So finden sich im Buch erstmals alle Weihrauchsorten und heimi­schen Räucher­harze in 50 sorgfältig zusam­men­ge­stellten Portraits vereint. Wir erfahren geschichtlich Relevantes, lernen die Eigen­heiten der Harze kennen und können anhand der aufge­führten Quali­täts­merk­malen bald zwischen Natur­reinem und minder­wertig aufbe­rei­tetem Räucherharz unter­scheiden. Dazu gesellen sich die Rezepte für Mischungen, die die eigenen Kreati­vität anregen und Lust auf eigene Erfah­rungen machen. Ob man eine Hausräu­cherung durch­führen oder sich tiefer mit den Ahnen verbinden möchte, hier wird man fündig.

Wie aus dem Gespräch mit der Autorin Caroline Maxelon deutlich hervorgeht, stößt das Buch auf der Metaebene das Tor zur europäi­schen Natur­spi­ri­tua­lität weit auf, indem es das Harz der heimi­schen Bäume in den rituellen und sakralen Kontext setzt, der bereits den Schamanen, Priestern und weisen Frauen unserer Ahnen wohlbe­kannt war. Hier wird mit viel Herz, Verstand und Geist an eine beinahe unter­bro­chene und vergessene Linie der urtüm­lichen occiden­talen Natur­ver­ehrung angeknüpft und für den Leser zeitgemäß aufbe­reitet.

Ein Grund­la­genwerk in der Literatur natur­spi­ri­tu­eller Lebens­weise! 

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