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Okkulte Permakultur? – Die Befreiung von Garten und Gärtner aus der suburbanen Reihenhausmonotonie „The story about the digging of the hole and the harvesting of the fruits from hell“

Okkulte Permakultur? – Die Befreiung von Garten und Gärtner aus der suburbanen Reihenhausmonotonie „The story about the digging of the hole and the harvesting of the fruits from hell“
"You must teach your children that the ground beneath their feet is the ashes of our grandfathers. - Noah Seattle - 
  Foto (c) Sebastian F.
“You must teach your children that the ground beneath their feet is the ashes of our grand­fa­thers. — Noah Seattle — Foto © Sebastian F.

Verla­belte Bienen­freund­lichkeit, der Abschwur von Pesti­ziden und wohlwollend plasti­niertes Biogemüse geben uns ein Gefühl der Sicherheit. Wir befinden uns auf dem richtigen Weg – wird schon alles gut werden. Spätestens hinterm heimi­schen Gartenzaun regiert jedoch wieder das Denken „Allein können wir die Welt auch nicht retten…“. Die Unkraut­spritze wird eifrig zur Wieder­her­stellung der preußi­schen Ordnung ins Feld geführt. In der Ferne summen einzig und allein die Rasen­mäher um die letzten, von der Trockenheit verschonten, Grashalme auf 0,8 Zenti­meter Länge zu trimmen. Die Vielfalt in den Gärten der ehema­ligen Chemie­ar­bei­ter­siedlung lässt sich mit wenigen Worten zusam­men­fassen: Flieder, Forsythie, Tuja, Kirsch­lorbeer, …, kleiner Garten­teich oder wahlweise Swimming Pool, Ligus­ter­hecke. Vereinzelt zeigt sich ein Obstgehölz oder Gemüsebeet. Der Exzen­triker leistet sich eine Blumen­ra­batte, die jedes Jahr aufs Neue mit bunten Blühern aus der Angebots­auslage der hiesigen Discounter bestückt wird. Wer behauptet, dass man seinem Nachbarn mit einem Black Metal Mixtape den letzten Zahn ziehen kann, hat noch nicht das Unkraut­jäten und Rasen­mähen vollkommen einge­stellt…

All things are connected”

Genug der Ironie. Spätestens durch die wieder­keh­renden Hitze- und Dürre­sommer der letzten Jahre und die beinahe täglich neu geführte Klima­de­batte, gewinnen die Ideen der Perma­kultur immer weiter an medialer und gesell­schaft­licher Beachtung. Meine ersten Berüh­rungs­punkte mit diesem Konzept waren eher unbewusster Natur. Unregel­mä­ßiges Entfernen von sogenannten Unkräutern, die schritt­weise Erwei­terung und Effek­ti­vierung der Kompost­ka­pa­zität, der Bau eines Wachtel­ge­heges, das Etablieren eines Kräuter­beetes und die Berei­cherung des ehema­ligen „Ziergartens“ durch Nutzpflanzen. Die, sich seit einiger Zeit verstärkte, Fokus­sierung auf die Themen Spiri­tua­lität und Schama­nismus und die daraus resul­tie­rende Selbst­re­flexion führten darüber hinaus zu einer schonungs­losen Ausein­an­der­setzung mit dem eigenen Umfeld und der Analyse der persön­lichen Möglich­keiten. Sofern die Bewirt­schaftung einer kleinen Landfläche möglich ist, liegen die Vorzüge klar auf der Hand. Sei es das Anpflanzen diverser Kräuter- und Räucher­pflanzen, das Schaffen eines Rückzugs­ortes oder noch besser, eines Kraft­ortes oder einfach die Stärkung der Verbindung zur Natur. Wie sagte es bereits Noah Seattle, reduziert auf seinen Haupt­ge­danken: „All things are connected“.

You must teach your children that the ground beneath their feet is the ashes of our grand­fa­thers. So that they will respect the land, tell your children that the earth is rich with the lives of our kin. Teach your children what we have taught our children, that the earth is our mother. Whatever befalls the earth, befalls the sons of the earth. If men spit upon the ground, they spit upon themselves. This we know. The earth does not belong to man, man belongs to the earth. This we know. All things are connected like blood which unites one family. All things are connected. […] Man did not weave the web of life, he is merely a strand in it. Whatever he does to the web, he does to himself. [R. Kaiser, Die Erde ist uns heilig (Freiburg 1992) 150

Doch was ist Perma­kultur eigentlich? Das bereits in den 1970er Jahren von Bill Mollison und David Holmgren entwi­ckelte Konzept trägt Ideen und Lösungen für eine dauer­hafte und nachhaltige Landwirt­schaft – „permanent agriculture“ – zusammen. Vor allem innerhalb des letzten Jahrzehntes wurden diese Ansätze verstärkt auch auf den „Hausge­brauch“ übertragen und sollen somit zu einer vermehrten Selbst­ver­sorgung und reflek­tier­terem Lebens­mit­tel­konsum führen. Grund­sätzlich stehen das Beobachten und Nachahmen natür­licher Prozesse im Vorder­grund. Um diese natür­lichen Mecha­nismen im eigenen Garten zu etablieren, benötigen wir jedoch einige Zeit – Freud und Leid werden dabei unser steter Begleiter sein. Dazu kommt, dass jeder Eingriff in die Garten­struktur zu einer Verän­derung des Mikro­klimas führen wird. Weshalb es sinnvoll erscheint sich mit einem Gesamtplan ausein­an­der­zu­setzen, der die aktuellen Bedin­gungen, die angedachten Umgestal­tungen und die möglichen Auswir­kungen gleicher­maßen erfasst. In welchem Maße die durch die Perma­kultur vorge­schlagene „Zonierung“ des Gartens umsetzbar ist, hängt von den jewei­ligen Gegeben­heiten ab. 

(c) Sebastian F.

Großmütterchens Garten wird sich verändern”

Das inten­dierte Resultat werden weder die dicksten Kartoffeln, noch die inten­sivsten Kräuter sein – diese sind jedoch ein sehr erfreu­licher Neben­effekt – sondern ein gesunder Boden. Die wahrscheinlich häufigste Assoziation mit dem Begriff Perma­kultur ist das Mulchen. Die großzügig verteilte Streu­schicht aus zumeist organi­schem Material (Heu, Stroh, Holzhäcksel, angetrock­neter Grasschnitt,…) dient hierbei in erster Linie der Erhaltung oder auch Wieder­her­stellung der biolo­gi­schen Abläufe in unserem Boden. Die Aktivierung der Boden­or­ga­nismen hat zur Folge, dass der wohl sensi­belste Bereich unseres Lebens­raumes gesunden kann. Am Ende soll ein natur­naher Raum entstehen, der auch noch unsere Urenkel mit seinen Früchten beschenken wird.

Der Entschluss ist gefasst – Großmüt­ter­chens Garten wird sich verändern. Weg von einer klar struk­tu­rierten, alters­ge­rechten und gutbür­ger­lichen Präsen­ta­ti­ons­fläche, hin zu einem natur­nahen Kleinod, das Geben und Nehmen, aber mögli­cher­weise auch verstören wird. Dass diese Revolution ohne Opfer verlaufen würde, stand außer Frage…

:SF: