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Das ist dasjenige, was man wiederum in seinen Natursinn aufnehmen muss, diese Anschauung, dass der Bienen­stock eine Seele hat ”

-Rudolf Steiner-

Kaum ein anderes Insekt hat in solch symbol­träch­tiger Weise Eingang in die Kultur und Mythen­ge­schichte der Völker gefunden, wie es die Honig­biene getan hat. Einge­woben in Dichtung, Ritus und Religion hat sich der spezielle Charakter des Bienen­volkes vom Anbeginn der Mensch­heits­ge­schichte bis weit hinein in die Neuzeit beinahe ungebrochen erhalten.

Wir folgen der verschlüs­selten Spur der kultur­stif­tenden Himmels­boten von der farben­frohen Götterwelt Indiens über die staubigen Sonnen­reiche der Pharaonen bis tief hinein in die nebligen Laubwälder des frühen, urtüm­lichen Europas.
Sacred geometry

Heilige Geometrie — Am Anfang steht das Hexagon

Von den schwarzen Basalt­säulen an der Küste Islands, bis hin zu den Augen einer Stuben­fliege im heimi­schen Wohnzimmer — die Natur liebt das Hexagon. Diese Grundform heiliger Geometrie begegnet uns in mannig­fal­tiger Form auf mikro­sko­pi­scher Ebene, genauso wie in größerem Maßstab. Das Sechseck ist eines der gebräuch­lichsten und vollendetsten Wörter im unermess­lichen Sprach­schatz der Schöp­fungs­kraft. Mit ihm zaubert die Natur kristalline Struk­turen, lässt filigrane Schnee­flocken entstehen und gestaltet die Zellwände von Pflanzen so wider­stands­fähig, dass sie den Wetter­be­din­gungen im Lauf des Jahres­kreises perfekt angepasst sind.

Die Assoziation mit dem Kreis ist im übrigen keine Zufällige. Das Sechseck entspricht der Aufteilung eines 360° Kreises in 6 Sektoren a 60°. Es hat sich gezeigt, dass das Hexagon perfekt dazu geeignet ist, größere Flächen sinnig zu füllen. Die so entste­henden Verbin­dungen der einzelnen Teile sind robuster und weniger anfällig für das Aufbrechen, als wenn zb. Dreiecke verwendet werden würden. Gleich­zeitig wird immens Platz gespart. Das Sechseck bietet bei kleinstem Umfang den größten Rauminhalt.

Quelle: pixabay.com
Quelle: pixabay.com
Quelle: pixabay.com
Quelle: pixabay.com

So klar und deutlich wie in einem Bienen­stock tritt uns jedoch die Verbindung zu einer überge­ord­neten und kreativen Schöp­fungs­geo­metrie nur selten entgegen. Nicht nur in der Form selbst, sondern auch in der Funktion der einzelnen hexago­nalen Waben­kammern liegt ein tieferer Symbo­lismus verborgen. Hier, im Schutz der Wabe, wächst die Zukunft des Bienen­volkes heran. Dem Hexagon entsteigt buchstäblich organi­sches Leben.
Kein Wunder also, dass Vishnu, zu dem wir später noch kommen werden, eine tiefe Verbun­denheit mit der Biene nachgesagt wird. Für den Bewahrer von Harmonie und Ordnung gäbe es wohl keine passendere Assoziation als den Bienen­stock mit seinen sechs­eckigen Struk­turen.
Im Hexagon wächst die Zukunft des Bienenvolkes heran. Quelle: pixabay.com
Im Hexagon wächst die Zukunft des Bienen­volkes heran. Quelle: pixabay.com

Die blaue Biene als Inkarnation Vishnus

Wir beginnen unsere kleine Exkursion durch die Geschichte, der Logik folgend, in der einstigen Heimat der Honig­biene. Genauer gesagt dem asiati­schen Raum. Eine ganz besonders enge Beziehung gingen die Inder mit der Biene ein. Nicht nur deren Honig fand und findet auch heute noch Verwendung bei Hochzeits­ri­tualen, das Insekt selbst wird als Verkör­perung einer höheren Wesenheit angesehen.

Wenn die Sonne aufgeht, schließt sie die Lotus­blüte auf und befreit aus ihrem Kerker die Bienen“ 

Diese frei wieder­ge­gebene Stelle aus den Gesängen der Naga-Stämme Nordin­diens drückt wunderbar aus, wie tief der symbol­trächtige Charakter der Honig­biene in Bewusstsein und Religion der indischen Völker verankert ist. Denn Vishnu selbst, der an höchster Stelle des indischen Götter­phan­teons Harmonie, Licht und Ordnung in der Welt schafft, wird oft als Blaue Biene, ruhend im Kelch einer Lotus­blume darge­stellt. 

Auch Krishna, eine der vielen Inkar­na­tionen Vishnus, wird mit der Biene in Verbindung gebracht und nicht selten findet man Darstel­lungen Krishnas mit einer blauen Biene über dem Haupt. Die Farbe Blau symbo­li­siert hierbei den Äther, dem die Gottheit entstammt. 

Von Krishna ist ein Legende überliefert, die für lange Zeit das zeremo­nielle Element der Indischen Bauern bei der Honig­ernte begründete. So soll die Gottheit eine seiner irdischen Geliebten in eine uns wohlbe­kannte Pflanze verwandelt haben. Diese Dame nahm die Gestalt des ocimum nigrum an, uns besser bekannt als Basilikum, welches ursprünglich aus dem asiati­schen Raum stammt. Krishna ordnete an, dass fortan kein Gottes­dienst mehr ohne die Anwesenheit dieser heiligen Pflanze gefeiert werden sollte. Die Bauern, überzeugt von der göttlichen Gegenwart in den Bienen, sollen daher bei der Honig­ernte bis zum heutigen Tage einige Blätter Basilikum bei sich tragen. Bienen­zucht wurde in Indien also bereits früh zum religiösen Kultus. 

Die Totenmaske des Pharaos

Aus der Urheimat unserer Honig­biene, dem fernen Asien, führt uns unsere Spuren­suche in das Land der Pharaonen. Auch hier, im Reich der Gottkönige und deren monumen­talen Nekro­polen, im Schatten der Pyramiden, hat das kleine Insekt seine Spuren in der Geschichte hinter­lassen.

Genauer gesagt, findet die Beziehung zur Biene bereits im 4. Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung Eingang in die Aufzeich­nungen der Ägypter. Auch wenn aus alter Zeit nur wenig über die eigent­liche Bienen­zucht im Nildelta überliefert ist, so lässt sich doch schluss­folgern, dass die Menschen den Ordnungssinn und die Fähigkeit zur Bildung von funktio­nie­renden Staaten, wie es bei den Bienen Veran­lagung ist, genau beobach­teten und zu deuten wussten.

Nicht selten war den Königs­namen der Pharaonen oft der Zusatz “Fürst Biene” voran­ge­stellt, was auf eine direkte und heilige Verbindung zwischen dem staaten­bil­denden Insekt und dem höchsten Mann im Staat verweist. Aus diesem Grund wird die Biene in Ägypten im Allge­meinen als das Symbol der Ahnen­könige verstanden und fand so Eingang in die geheim­nis­vollen Inschriften in den Nekro­polen.

Doch nicht nur als Symbol war die Biene im alten Ägypten hoch im Kurs, ihr Honig wurde teuer gehandelt und fand allerlei Anwendung in Heilkunst, Küche und Ritus, oft auch als wertvolle Opfergabe für die Götter.

So fand sie auch ihre Stellung im Totenkult der Ägypter. Da sie symbolhaft für Wieder­geburt und Reinkar­nation stand, wurden den Toten oft Amulette mit ihrem Abbild als Grabbei­gaben mit auf die letzte Reise gegeben. Hier drängt sich natürlich das Bild der Toten­maske des Tutan­chamun förmlich auf. Erinnert deren gestreifte Haube nicht direkt an die Streifen einer Biene?

Es wundert also nicht, dass die Biene unter anderem als Sendbote des Himmels betrachtet wurde, auch wenn ihnen nicht direkt selbst Göttlichkeit zugestanden wurde. So berichtet eine Legende, die flinken und wertvollen Insekten seien aus den Tränen des Sonnen­gottes Ra entstanden.

Wer hierzu mehr wissen möchte, dem empfehle ich folgende, sehr reich­haltige und wissen­schaft­liche Studie der Univer­sität Mainz.

Quelle: pixabay.com
Quelle: pixabay.com

Die Biene als Mittler zwischen den Welten und Seelen­be­gleiter hat sich auch im europäi­schen Raum noch einige Zeit auf Grabsteinen erhalten. Das unten­ste­hende Foto habe ich auf einem alten Friedhof in Franken gemacht, auch wenn hier offen­sichtlich die Verbindung zu einem arbeits­reichen und fleißigen Leben im Vorder­grund steht. Dennoch ist die Verbindung zum Reich der Toten, verbunden mit der Hoffnung der Aufer­stehung erhalten geblieben.

Grabmal mit Bienenmotiv. Die Biene galt seit jeher als Mittler zwischen Himmel und Erde. Ein Begleiter in das Jenseitige. (c) der-eibenreiter
Grabmal mit Bienen­motiv. Die Biene galt seit jeher als Mittler zwischen Himmel und Erde. Ein Begleiter in das Jenseitige. © der-eiben­reiter

Weisheit aus den Wäldern — Die germanischen Völker und die Biene

Wir schließen unsere Exkursion in die geheim­nis­volle Welt der Biene mit einem Blick auf die heimat­liche Mytho­logie. Man muss die Geschichte der Urstämme Europas mit der Biene und deren Zusam­men­spiel mit der Landschaft betrachten. Insbe­sondere die dichten Laubwälder müssen wahre Bienen­horte gewesen sein.

Festzu­stellen ist, dass die Bewohner eines damals noch waldreichen Europas keine Veran­lassung dazu sahen, die Bienen­zucht als solche zu kulti­vieren. Darüber­hinaus, darin sind sich alle histo­ri­schen Quellen einig, herrschte auch kein besonders tief entwi­ckeltes Verständnis über Aufbau und die Abläufe in einem Bienen­stock. Was man an Honig benötigte, wurde dem Wald als Wildsammlung entnommen, woraus sich langsam das Zeidel­wesen als europäische Beson­derheit entwi­ckelte. Der Zeidler war darauf spezia­li­siert, Honig in den tiefen Wäldern aufzu­spüren und war damit betraut, ihn zu ernten, sowie für die Verar­beitung des Wachses zu sorgen.

Auf mytho­lo­gi­scher Seite tritt in der germa­ni­schen Mytho­logie daher wohl auch stärker der Honig, als die Biene selbst in Erscheinung. Als Götter­trunk und Opfergabe ist der Honig in Reinform und als Honigwein bekannt, aber auch als Quelle der Weisheit. Besonders stark tritt dieses Element der Mytho­logie in der Überlie­ferung zutage, die von Odins Met erzählt. Hierbei handelt es sich nicht um gewöhn­lichen Honigwein. In diesem Falle ist er vermischt mit dem Blut des über die Maßen weisen Kwasir. Jeder der einen Schluck vom sogenannten Skaldenmet trank, dem wurde Einsicht in die hohe Dicht­kunst geschenkt.

Auch die Kelten, die teilweise als “Kopfjäger” bekannt waren, nutzten den Honig für ihre ganz eigenen Zwecke. Es ist überliefert, das abgeschla­genen Köpfe mit Honig glasiert wurden, um diese länger als Trophäen zur Schau stellen zu können.

Aber nicht nur in der Mytho­logie, sondern auch im Volks­zauber hat sich Brauchtum aus alter Zeit lange halten können. So wird von einem “Acker­segen” berichtet, in dem Honig zur Wieder­her­stellung der Frucht­barkeit eines Ackers eine wichtige Rolle spielte.

Weiterführend

Bei meinen Recherchen habe ich feststellen müssen, dass die Honig­biene als Symbol so unglaublich weit verbreitet und vielschichtig ist, dass eine komplette Übersicht den Rahmen des Artikels sicherlich sprengen würde. Es darf jedoch noch erwähnt werden, dass z.B. Napoleon eine besondere Verbindung mit dem Bienen­symbol hatte, genauso wie sie ebenso in der Freimau­rerei als Symbol der Ordnung eine wichtige Rolle spielt. Natürlich gibt es dann noch die im Volksmund bekannten Deutungen der Biene in Märchen und Sagen. Ich kann nur jeden dazu ermutigen, seine eigenen Nachfor­schungen anzustellen, denn hier öffnet sich ein weites, spannendes Feld!

:JS:

Quellen­an­gaben:

Die Symbolik der Bienen und ihrer Produkte — in Sage, Dichtung, Kultus Kunst und Bräuchen der Völker — Antiqua­risch

Biene und Honig im pharao­ni­schen Ägypten — Eine Disser­tation von Birgit Sonja Feier­abend — Link

Rudolf Steiner über Bienen — Link 

Das Sechseck — Eine ideale Naturform von Josef Bauer