Sascha Schneider — »Kraft-Kunst«, Mystik und Männerakt

Sascha Schneider — »Kraft-Kunst«, Mystik und Männerakt

Man fühl­te instink­tiv, dass man etwas Eigen­ar­ti­ges, etwas Neu­es vor sich habe, etwas Dämo­ni­sches, das man sich nicht erklä­ren könn­te, das aber den­noch mit sug­ges­ti­ver Kraft wirk­te.

Kuno Graf Har­den­berg über das Werk Schnei­ders in « Sascha Schnei­der auf der Dresd­ner Kunst­aus­stel­lung«
Der Künst­ler Sascha Schnei­der, Foto­gra­fie von Hugo Erfurth (1874 – 1948)

Wäh­rend einer Schiffs­rund­rei­se erlei­det der Maler und Kunst­pro­fes­sor Rudolph Karl Alex­an­der Schnei­der, bes­ser bekannt als Sascha Schnei­der, einen hypo­gly­kä­mi­schen Schock und fällt in ein tie­fes Koma. Als das Schiff am 18. August 1927 in Swi­ne­mün­de anlegt, ist Sascha Schnei­der den dra­ma­ti­schen Fol­gen sei­ner Dia­be­tes erle­gen, doch sein künst­le­ri­sches Erbe strahlt bis heu­te in sei­ner rät­sel­haf­ten Mys­tik her­über bis in unse­re Gegen­wart. Bei­trags­bild: »Eine Visi­on« 1897

Psychoanalyse, Naturalismus und soziale Entfremdung— Die Lebenswelt des Künstlers

Die Welt in der, der 1870 in St. Peters­burg gebo­re­ne Maler, Bild­hau­er und Pro­fes­sor, Sascha Schnei­der lebt, ist tur­bu­lent und wider­sprüch­lich zugleich. An der Schwel­le zu zwei ver­hee­ren­den Welt­krie­gen ist das poli­ti­sche und gesell­schaft­li­che Kli­ma um die Jahr­hun­dert­wen­de, einer­seits geprägt von sozia­ler Ent­frem­dung durch indus­tri­el­len Fort­schritt und lang­sam erstar­ken­dem Natio­na­lis­mus, ande­rer­seits ent­wi­ckeln sich dicht bevöl­ker­te Groß­städ­te wie zB Ber­lin, Mün­chen und Wien zu libe­ra­len Kul­tur­zen­tren inner­halb Euro­pas. Freuds Psy­cho­ana­ly­se und Jungs Arche­ty­pen beein­flus­sen die bil­den­de Kunst min­des­tens eben­so stark, wie Nietz­sches phi­lo­so­phi­sche Schrif­ten, wäh­rend Ein­steins Rela­ti­vi­täts­theo­rie die Welt der Wis­sen­schaft in Auf­ruhr ver­setzt. Es gibt für Sym­bo­lis­ten sei­ner­zeit viel Neu­land zu ent­de­cken und Schnei­der macht sich lei­den­schaft­lich dar­an der mensch­li­chen Natur mit Tem­pe­ra, Koh­le und Öl auf Lein­wand nach­zu­spü­ren.

Die Fol­gen eines, in der Kind­heit erlit­te­nen, Unfalls hin­der­ten den Künst­ler dar­an, den Traum vom »schö­nen Kör­per« selbst zu leben. Eine Ver­let­zung des Rückens ließ Trai­ning nicht zu. »Der Maler Sascha Schnei­der in sei­nem Ate­lier« Foto: Public Domain gefun­den in: Deut­sche Digi­ta­le Biblio­thek – Kul­tur und Wis­sen online

Als Sascha Schnei­der 1893 sein Stu­di­um an der Dresd­ner Kunst­aka­de­mie been­det und ein Jahr spä­ter sei­ne ers­ten eige­nen Aus­stel­lun­gen in Angriff neh­men kann, wird er mit­ge­ris­sen vom refor­ma­to­ri­schen Geist jener Epo­che. Sei­ne Wer­ke ent­ste­hen unter dem Ein­fluss einer Strö­mung, die in die­sen umwäl­zen­den Jah­ren nicht nur Gesell­schaft, Poli­tik und Kunst erfasst hat, son­dern auch die Auf­fas­sung des­sen, was Ide­al­bild des mensch­li­chen Kör­pers sei, grund­le­gend ver­än­dert. Das Kör­per­bild des Jugend­stils mit sei­nen fein­glied­ri­gen Gestal­ten hat aus­ge­dient. Die umfas­sen­den Ide­en der Lebens­re­form und des Natu­ra­lis­mus machen den vita­len, trai­nier­ten Kör­per, son­nen­ge­gerbt und strot­zend vor Kraft salon­fä­hig. Er wird zum Sehn­suchts­bild einer Gesell­schaft auf dem Weg in die Indus­tria­li­sie­rung, die ihr Heil in der roman­ti­schen Flucht in eine idea­li­sier­te Anti­ke sucht.

Das Kör­per­bild des Jugend­stils mit sei­nen fein­glied­ri­gen Gestal­ten hat aus­ge­dient. Die umfas­sen­den Ide­en der Lebens­re­form und des Natu­ra­lis­mus machen den vita­len, trai­nier­ten Kör­per, son­nen­ge­gerbt und strot­zend vor Kraft salon­fä­hig.

Der Kunst­his­to­ri­ker, Muse­ums­di­rek­tor und Maler Kuno Graf von Har­den­berg erin­nert sich 1904 in einer Aus­ga­be der Zeit­schrift »Deut­sche Kunst und Deko­ra­ti­on« an die ers­ten Jah­re des damals noch idea­lis­ti­schen Schnei­ders wie folgt:

Als Sascha Schnei­der vor zehn Jah­ren mit sei­nen Kar­tons zum ers­ten Male an die Öffent­lich­keit trat, da war des Gere­des kein Ende; eini­ge waren begeis­tert, vie­le ent­setzt, aber alle waren gefes­selt. Man fühl­te instink­tiv, dass man etwas Eigen­ar­ti­ges, etwas Neu­es vor sich habe, etwas Dämo­ni­sches, das man sich nicht erklä­ren könn­te, das aber den­noch mit sug­ges­ti­ver Kraft wirk­te.

Kuno Graf Har­den­berg – »Sascha Schnei­der auf der Dresd­ner Kunst-Aus­stel­lung« erschie­nen in »Deut­sche Kunst und Deko­ra­ti­on« 1904

Soziale Fragen, Mystik & Homoerotik, Sascha Schneiders Werke im Licht seiner Zeit

Kaum der bie­de­ren Atmo­sphä­re der Kunst­aka­de­mie ent­ron­nen, beginnt Schnei­der fie­ber­haft damit, sei­ne Ide­en auf Lein­wand umzu­set­zen. Immer wie­der begeg­net uns in der frü­hen Schaf­fens­pha­se das Motiv des revo­lu­tio­nä­ren Aktes und die damit ein­her­ge­hen­de Ver­än­de­rung star­rer Herr­schafts­sys­te­me. Es ent­ste­hen poli­tisch deut­ba­re Wer­ke wie »Der Anar­chist« und »Auf zum Kampf«, aber auch reli­giö­se The­men und Mys­tik flie­ßen in Schnei­ders Schaf­fen ein. Dabei ist zu beob­ach­ten, dass der Künst­ler bei­lei­be nicht nur aus der Quel­le christ­li­cher Mys­tik schöpft.



So fin­det sich in der Zeit­schrift »The Artist« von 1901 ein tref­fen­der Arti­kel über den reli­gi­ös gepräg­ten Sym­bo­lis­mus in Schnei­ders Wer­ken:

Sascha Schnei­der does not con­fi­ne him­s­elf exclu­si­ve­ly to Chris­tia­ni­ty; his fan­cy tra­vels to Egypt, Assy­ria and Greece. The­re is always an idea bene­ath his art: the wee­ping of the man tormen­ted by grief, by the pro­blems of huma­ni­ty, by the mys­te­ry of fate, the con­tra­dic­tions of Jus­ti­ce, the cru­el­ty of death and the uncer­tain­ty of hope.

Count de Sois­sons – »Sascha Schnei­der« erschie­nen in »The Artist: An Illus­tra­ted Mon­th­ly Record of Arts, Crafts and Indus­tries« (Ame­ri­can Edi­ti­on) Vol.31 No.261 (Oct.,1901)

In all sei­nen Wer­ken nimmt die Dar­stel­lung der mensch­li­chen Gestalt eine wich­ti­ge Schlüs­sel­rol­le ein. Schnei­der stellt dabei über­wie­gend den männ­li­chen Kör­per in den Fokus sei­nes Schaf­fens und stat­tet die­sen, dem Zeit­geist ent­spre­chend, mit ath­le­ti­schen Merk­ma­len aus. Dies und die Tat­sa­che, dass der Künst­ler selbst­be­wusst sei­ner sexu­el­len Ori­en­tie­rung folgt, obwohl die­se seit 1872 per §175 unter Stra­fe gestellt war, wer­den Sascha Schnei­der spä­ter zu einer Iden­ti­fi­ka­ti­ons­fi­gur schwu­ler Kunst machen.

Sei­ne Freund­schaft mit dem Maler Max Klin­ger beschert dem Künst­ler der­weil Zugang zur eta­blier­ten Kunst­sze­ne und Schnei­ders Wer­ke wer­den einem gro­ßen Publi­kum zugäng­lich. In die­sen Jah­ren ent­ste­hen auch gigan­ti­sche Wand­ge­mäl­de als Auf­trags­ar­bei­ten, unter ande­rem »Bal­durs Sieg über die Mäch­te der Fins­ter­nis« für das Buch­ge­wer­be­haus in Leip­zig und sein per­sön­li­ches Monu­men­tal­werk »Um die Wahr­heit«. Es fügt sich wäh­rend die­ser pro­duk­ti­ven Zeit, dass der Künst­ler auf einen ande­ren, wohl bekann­ten, Prot­ago­nis­ten der Küns­te jener Jah­re trifft. Mit dem Schrift­stel­ler Karl May wird sich Schnei­der bis zu des­sen Tod ver­bun­den ver­bun­den füh­len — es ent­steht eine frucht­ba­re Künst­ler­freund­schaft und eine ein­drucks­vol­le Zusam­men­ar­beit mit dem Schöp­fer von Win­ne­tou und Old Shat­ter­hand.

Karl May und Sascha Schneider — Eine Künstlerfreundschaft

»Win­ne­tous Him­mel­fahrt« Die Deckel-Illus­tra­ti­on zu Band III trägt ein­deu­tig die Hand­schrift Schnei­ders. Der ath­le­ti­sche Kör­per des Häupt­lings strebt dem Prot­ago­nis­ten in Fidus »Licht­ge­bet« gleich den son­ni­gen Gefil­den der ewi­gen Jagd­grün­de ent­ge­gen.

Als Karl May 1903 eine Aus­stel­lung von Schnei­der besucht, ist er begeis­tert. Das Monu­men­tal­werk »Um die Wahr­heit« hin­ter­lässt einen solch blei­ben­den Ein­druck bei May, dass er Schnei­der den Auf­trag erteilt, ein Wand­ge­mäl­de für sei­ne Vil­la Shat­ter­hand in Rade­beul anzu­fer­ti­gen. Das Werk, das Schnei­der für May in Tem­pe­ra, Koh­le und Öl anfer­tigt, trägt den Titel »Der Cho­dem« (auch »Das Gewis­sen« oder »Der Astral­mensch« genannt) und ver­setzt so man­chem Besu­cher des Schrift­stel­lers einen gehö­ri­gen Schre­cken. Im Zuge der wei­te­ren Zusam­men­ar­beit gibt May 25 neue Deckel-Illus­tra­tio­nen sei­ner Rei­se­er­zäh­lun­gen in Auf­trag. Sascha Schnei­der über­setzt die Erzäh­lun­gen Mays in sei­nem ganz eige­nen Stil in sym­bo­lis­ti­sche Wer­ke, in denen wie­der düs­te­re Mys­tik und der nack­te Kör­per im Rin­gen mit den Wid­rig­kei­ten das Schlüs­sel­ele­ment dar­stellt. Der rege Brief­wech­sel zwi­schen Karl May und Sascha Schnei­der ist der Nach­welt übri­gens erhal­ten geblie­ben und bezeugt die inten­si­ve Künst­ler­freund­schaft der bei­den Män­ner. Das Buch »Brief­wech­sel mit Sascha Schnei­der« sei an die­ser Stel­le zur Ver­tie­fung des The­mas emp­foh­len. Als Karl May 1912 ver­stirbt, ent­wirft Schnei­der zwei Ruhe­bän­ke mit geflü­gel­ten Löwen für des­sen Tem­pel­ähn­li­ches Grab­mal in Rade­beul.

Letzte Stationen: §175, Exil in Italien und das »Kraft-Kunst-Institut« in Dresden

Noch wäh­rend Schnei­der für Karl May Bil­der anfer­tigt, wech­selt er als Pro­fes­sor für Akt­ma­le­rei an die Groß­her­zog­lich-Säch­si­sche Kunst­schu­le nach Wei­mar. Hier ent­ste­hen in einem neu­en Ate­lier wei­te­re, groß­for­ma­ti­ge Gemäl­de und Skulp­tu­ren. Wäh­rend die­ser Zeit wird Sascha Schnei­der Ver­rat und der §175 zum Ver­häng­nis. Um den Erpres­sungs­ver­su­chen sei­nes dama­li­gen Part­ners Hell­muth Jahn zu ent­ge­hen, flieht Schnei­der nach Ita­li­en und bereist schließ­lich auch den Kau­ka­sus. Nach vie­len Umzü­gen und Neu­an­fän­gen ver­schlägt es den Sym­bo­lis­ten ab 1914 wie­der nach Dres­den. Doch die Zei­ten in denen er brei­te Aner­ken­nung fand, schei­nen vor­bei zu sein. In Deutsch­land wird Schnei­der mitt­ler­wei­le auf­grund sei­ner Homo­se­xua­li­tät gemie­den, ein­ge­reich­te Wer­ke mit dem Ver­merk: »Auf­rei­zung zur wider­na­tür­li­chen Unzucht« abge­lehnt.

»Ath­lè­te hal­té­ro­phi­le« Sascha Schnei­der 1920 (Public Domain) Als Schnei­der die­ses Bild malt, wer­den sei­ne Zwei­fel am »Kraft-Kunst-Insti­tut« immer deut­li­cher.

Der 1. Juni 1919 wird für Sascha Schnei­der noch ein­mal zu einem Neu­an­fang. Er will sei­ne gemal­ten Visio­nen kräf­ti­ger und gestähl­ter Kör­per auf die Wirk­lich­keit über­tra­gen und grün­det dazu in der Schef­fel­stra­ße in Dres­den das »Kraft-Kunst-Insti­tut«. In die­ser Aus­bil­dungs- und Erzie­hungs­an­stalt unter­wies ein Sport­meis­ter, ganz im Sin­ne der Idee des sei­ner­zeit popu­lä­ren Natu­ris­mus, jun­ge Män­ner in Lei­bes­übun­gen mit dem Ziel, den Kör­per nach anti­kem Vor­bild zu for­men. Schnei­der selbst über­nahm bei die­sem Unter­fan­gen die Rol­le des künst­le­ri­schen Lei­ters, da er auf­grund eines in der Kind­heit erlit­te­nen Unfalls selbst nur bedingt dazu in de Lage war, sei­ne Ide­al­vor­stel­lun­gen zu ver­wirk­li­chen.

Schnei­der muss nach eini­ger Zeit schließ­lich erken­nen, dass sich die Hoff­nun­gen, die er in das »Kraft-Kunst-Insti­tut« setzt, nicht erfül­len. Den jun­gen Leu­ten steht der Sinn mehr nach Kraft als nach Kunst und so ver­lässt Schnei­der sein Insti­tut im Jah­re 1923. Die nächs­ten vier Jah­re sei­nes Lebens ver­bringt er über­wie­gend in Süd­ita­li­en. Schwer ange­schla­gen durch pri­va­te Pro­ble­me und eine dia­gnos­ti­zier­te Dia­be­tes malt Schnei­der in die­sen Jah­ren vie­le Land­schafts­por­traits und Aqua­rel­le, die jedoch die visio­nä­re Kraft sei­ner Anfangs­ta­ge mis­sen las­sen. Men­schen und gestähl­te Kör­per fin­den sich nur noch sel­ten in sei­nen Spät­wer­ken. Als Rudolph Karl Alex­an­der Schnei­der schließ­lich zu sei­ner letz­ten Rei­se auf­bricht, ist er 57 Jah­re alt.