Häxenzijrkell — »Die Nachtseite« im Review

Tritt ein und rei­ni­ge dich…

An die Schwel­le tre­ten, über die Schwel­le glei­ten. In den Abgrund star­ren und sich ver­ei­nen, sich dem Schick­sal erge­ben und die Rei­se ins Fins­te­re zulas­sen. 

»Die Nacht­sei­te« erscheint am 30.09. via Amor Fati Pro­duc­tions

Wenn ein Album etwas zu mir sagen könn­te, mir etwas ver­mit­teln woll­te, so wür­de ich obi­ges aus dem pech­schwar­zen Schlund der Nacht­sei­te“ hören. Häxenzijrkell´s nun­mehr sechs­te Ver­öf­fent­li­chung inner­halb von 4 Jah­ren dürf­te der wohl treu­es­te, und zuver­läs­sigs­te Beglei­ter inner­halb eines Laby­rinths aus Schwe­fel und Pesti­lenz sein, das dun­kels­te und facet­ten­reichs­te Kapi­tel des Abstiegs gen Tar­ta­ros. 

Ein­ge­lei­tet mit Ambi­ent Klän­gen und einer Spo­ken Word Pas­sa­ge wird einem klar: Die Rei­se beginnt, denn sobald die ver­zerr­ten Gitar­ren zu spre­chen begin­nen und die Mid-Tem­po Drums eine in Reverb gehüll­te Toten­pro­zes­si­on los­tre­ten, gibt es kein Zurück. Hier bewegt sich von der ers­ten Sekun­de an etwas vor­wärts, stamp­fend, ohne den Blick dem Zurück­lie­gen­den zu heben. Umwo­ben von einer Erzäh­ler­stim­me fin­de ich mich auf der Schwel­le“ wie­der. 

Schon jetzt kann ich sagen: Der Zijr­kell bleibt sich treu, ent­wi­ckelt sich aber den­noch in so vie­len Facet­ten wei­ter und ver­bes­sert sich stets von Release zu Release. Man lässt sich ein­fach gern in die unend­li­chen Tie­fen der Unter­welt zie­hen, denn schon wäh­rend des ers­ten Songs wer­de ich in die­se Art musi­ka­lisch-medi­ta­ti­ven Zustand ver­setzt, wel­chen ich bei weni­gen Alben ver­spü­re. 

Ich wür­de es schon fast als ent­span­nen­den“ Aus­klang von einem (posi­tiv-) beschwer­li­chen Marsch durch end­lo­se, von Matsch und Lei­chen gesäum­ter Fel­der beschrei­ben.

Nichts lenkt einen wirk­lich von dem eigent­li­chen Sinn und der Atmo­sphä­re ab, denn selbst der Gesang dient aus­schließ­lich als Instru­men­ta­ti­on. Hier gibt es kei­ne Stör­fak­to­ren, die den Fluss des Song­wri­tings hem­men, das sich stets auf­baut und fällt. In die­sem Fall mit gut ein­ge­setz­ten, häm­mern­den, aber befrei­en­den Blast Beats gegen Ende von Auf der Schwel­le“. Ich wür­de es schon fast als ent­span­nen­den“ Aus­klang von einem (posi­tiv-) beschwer­li­chen Marsch durch end­lo­se, von Matsch und Lei­chen gesäum­ter Fel­der beschrei­ben.

Der Nacht­him­mel öff­net sich vor mei­nem inne­ren Auge. Unter 7 Ster­nen“ fin­de ich mich in einer Wüs­ten­land­schaft wie­der. Über mir die Ster­ne, vor mir Rui­nen einer ver­las­se­nen, uralten Stadt. Cut. Bevor ich hier abschwei­fe erklä­re ich aber lie­ber war­um sich das alles gera­de auf der Lein­wand in mei­nem Kopf abspielt: Schwe­ben­de, kris­tall­kla­re Syn­ths erzeu­gen tran­szen­den­ta­le Stim­mung, bis sich erneut ein tief­schwar­zes Doom Gewit­ter mit Black Metal Anstrich zusam­men­braut und schluss­end­lich los­bricht. Was mir hier beson­ders gefällt ist der mini­ma­le Ein­satz des Syn­the­si­zers, der meist nur als unter­stüt­zen­des Ele­ment auf einem Ton ver­harrt, jedoch genau dadurch mehr als genug sei­nen Zweck erfüllt.  

Das Licht ist offen­bar­te Fins­ter­nis“ tönt es, der Song hebt sich erneut an und endet in einem wei­te­ren Wir­bel­wind gran­dio­ser Drum­work. Wie­der endet das Lied in einer Ambi­ent Pas­sa­ge, und mir wird erneut klar, dass es sich hier um eine Art Rei­se, einen wahn­haf­ten Fie­ber­traum mit Nar­ra­ti­on in 3 Kapi­teln han­deln muss.  (Jeden­falls reimt sich das mein Kopf zusam­men, wäh­rend ich die Bau­stei­ne und Text­frag­men­te ver­bin­de.)

Bei­na­he 20 Minu­ten füh­len sich bei der Nacht­sei­te“ schlicht und ein­fach nicht an wie 20 Minu­ten.

Song 3, ver­dammt wirk­lich schon Song 3? Es mag sich wie eine bil­li­ge Aus­re­de anhö­ren, schon wie­der Lob aus­zu­spre­chen, aber das muss ein­fach sein: Bei­na­he 20 Minu­ten füh­len sich bei der Nacht­sei­te“ schlicht und ein­fach nicht an wie 20 Minu­ten. Wo man bei Ver­su­chen ande­rer Bands meist schon nach 7 Minu­ten einen Rück­zie­her machen muss bevor einem die Füße unter der Last, der sich ewig wie­der­ho­len­den Note und Blast Beat, ein­schla­fen, mer­ke ich hier bei­na­he nicht ein­mal, dass ich mich hier­mit schon in gro­ßen Schrit­ten dem Fina­le der Schei­be nähe­re. Nun ja, knapp 15 Minu­ten blei­ben mir aller­weil noch, denn ich fin­de mich Im Laby­rinth der Dun­kel­heit“ wie­der. Hier lädt der zwei­köp­fi­ge Satan“ zu einem fina­len, sich lang­sam auf­bäu­men­den Tanz in der Fins­ter­nis, beglei­tet und musi­ka­lisch unter­malt von stamp­fen­den Lamen­ta­tio­nen und kla­gen­den Schrei­en, direkt aus der Unter­welt. 

Stich­wort Unter­welt, ich schwei­fe ganz kurz ab: Bei­na­he habe ich ver­ges­sen ein oder zwei Wör­ter an den Sound zu ver­lie­ren, wel­cher sich der The­ma­tik ange­passt irgend­wo zwi­schen einem sphä­ri­schen, geis­ter­haf­ten Klang­bild atmo­sphä­ri­scher Natur und schlam­mi­gen, knall­hart drü­cken­den Gitar­ren inklu­si­ve einem klar ver­ständ­li­chen, den­noch ultra-schwe­rem Schlag­zeug bewegt. Kein Instru­ment schließt das ande­re aus, dadurch ent­steht ein orga­ni­sches Gesamt­bild, das nie zu auf­dring­lich, jedoch auch nie zu ver­wa­schen oder ein­heit­lich klingt. Kurz und knapp: Leben­di­ger Live-Sound. 

Zurück zum Gesche­hen: Der Song und damit auch das Album fin­den lang­sam, aber sicher sein gran­dio­ses Fina­le. Ein letz­tes Mal fegen die Drum­sticks in Hoch­ge­schwin­dig­keit über die Sna­re, bevor sich der Kreis schließt und die Fackel gelöscht“ wird. Dro­ni­ge Klän­ge gelei­ten uns nach der letz­ten Gitar­ren­no­te durch die Dun­kel­heit, schlie­ßen die Pfor­te hin­ter uns und wün­schen uns bis zum nächs­ten Mal ein gutes Gelin­gen beim Durch­que­ren des ewi­gen Laby­rinths, des­sen Wir­ren und Ver­zwei­gun­gen wir wäh­rend der letz­ten knap­pen 40 Minu­ten durch­stan­den haben. 

Ich wür­de bes­ten Gewis­sens wie­der über die Schwel­le tre­ten. Ger­ne ab dem 30. Sep­tem­ber auch in phy­si­schem For­mat. Da erscheint das sty­gi­sche Mach­werk des Zijr­kells näm­lich als Vinyl auf Amor Fati Pro­duc­tions! 

Geschrieben von Lucas

Lucas schreibt und zeichnet für den Eibenreiter. Aus seiner Feder sind die Icons für "Kunst Kult und Natur"sowie das Eibenreiter-Logo. Zudem ist er mit der BM-Band "Siechengrund" und dem Ambient-Dungeonsynth Projekt "Dunharg" auch musikalisch im Underground vertreten.