Die Ziegenreiterin: Hexe,Göttin,Erdmutter

Die Ziegenreiterin: Hexe,Göttin,Erdmutter

Mytho­lo­gi­scher & Kunst­his­to­ri­scher Ursprung eines uralten Sym­bols

Die nack­te Hexe und der wil­de Zie­gen­bock, die durch die Lüf­te fah­ren – auf den ers­ten Blick ein durch und durch sata­ni­sches Motiv…

…oder etwa doch nicht? Die­ses arche­ty­pi­sche Duo scheint den Sprung durch die Zei­ten in die Welt der düs­te­ren Sub­kul­tur mit Bra­vour gemeis­tert zu haben. Ob als Tat­too, als Patch oder Pin, als Cover­art­work oder als Shirt­mo­tiv, Hexe und Bock wer­den dabei in ihrer vital wir­ken­den Bild­spra­che immer als Syn­onym für archai­sche Zau­be­rei und mit­tel­al­ter­li­chen Mys­ti­zis­mus gele­sen, zuwei­len auch als Sym­bol heid­ni­scher Eman­zi­pa­ti­on von den Kon­ven­tio­nen star­rer reli­giö­ser Sys­te­me gedeu­tet.

Dabei beglei­tet uns das Bild der Zau­ber­kun­di­gen und ihrem gehörn­ten Beglei­ter nicht erst seit Albrecht Dürers Werk Die Hexe, das der alte Meis­ter im frü­hen 16. Jahr­hun­dert fer­tig­te, und damit die bis heu­te bekann­tes­te Ver­si­on des Motivs schuf. Viel­mehr schöpf­te auch Dürer sei­ne Inspi­ra­ti­on für Die Hexe aus Quel­len, die wesent­lich tie­fer lie­gen, als es uns eine rein ober­fläch­li­che Betrach­tung des Kup­fer­sti­ches sug­ge­rie­ren mag. 

Ver­fol­gen wir also die rei­ten­de Hexe soweit wir es ver­mö­gen, wid­men uns dabei dem Sym­bo­lis­mus Dürers, der sich jeder Deu­tung nebu­lös zu ent­zie­hen scheint, und knüp­fen schließ­lich an das Wesen von archai­schen Mut­ter­göt­tin­nen an, die ver­steckt in die­ser Alle­go­rie auf Ero­tik, Frucht­bar­keit, Tod und Astro­no­mie auf ihre Ent­de­ckung war­ten.

Hexenritt, Ikosidio, 2018
Hexen­ritt, Iko­s­idio, 2018

Dürers Die Hexe: Das Vorbild zeitgenössischer Darstellungen und seine Wurzeln

Die ers­te Spur führt in das frü­he 16. Jahr­hun­dert, genau­er gesagt in die Jah­re zwi­schen 1502 und 15051. Wäh­rend die­ser Zeit ent­stand Albrecht Dürers Kup­fer­stich Die Hexe, wel­cher als das Vor­bild aller aktu­el­len Dar­stel­lun­gen der rei­ten­den Hexe gewer­tet wer­den kann. Die gan­ze Renais­sance hin­durch inspi­rier­te das geheim­nis­vol­le Werk Dürers des­sen Zeit­ge­nos­sen und auch sei­nen Schü­ler Hans Bal­dung Grien zu mit­un­ter nicht weni­ger fan­ta­sie­vol­len und mys­ti­schen Kom­po­si­tio­nen.

Um die Sym­bo­lik des »moder­nen« Ur-Wer­kes bes­ser ver­ste­hen zu kön­nen, muss man sich zunächst mit mög­li­chen Deu­tun­gen im Kon­text der Lebens­welt Dürers beschäf­ti­gen. Ein Unter­fan­gen, das sich eben­so kom­pli­ziert aus­nimmt, wie die zutiefst wider­sprüch­li­chen phi­lo­so­phi­schen Strö­mun­gen der Renais­sance selbst. Als der Kup­fer­stich ange­fer­tigt wur­de, lag die hys­te­ri­sche Hoch­pha­se der Hexen­ver­fol­gung noch bei­na­he 60 Jah­re in der Zukunft, eine stumpf pro­pa­gan­dis­ti­sche Deu­tung des Wer­kes mit het­ze­ri­scher Inten­ti­on kann also zunächst mit Bestimmt­heit zurück­ge­wie­sen wer­den, dem ent­ge­gen ste­hen auch Dürers huma­nis­ti­sche Ansich­ten​†​. Wohl aber kann man den Künst­ler einen Mys­ti­ker nen­nen, der es ver­stand kos­mo­lo­gi­sche, reli­giö­se, kul­tu­rel­le und sozia­le The­men sei­ner Zeit in Sym­bo­le zu klei­den und sie in Bil­der zu trans­for­mie­ren, die uns auch heu­te noch Rät­sel auf­ge­ben und zur Dis­kus­si­on anre­gen. 

Hexen durf­ten wohl nackt dar­ge­stellt wer­den, da sie ja das Sün­di­ge reprä­sen­tier­ten. Offen­sicht­lich erfreu­te sich die Män­ner­welt an die­ser Art der Abbil­dung. Dürers Vier Hexen fand rei­ßen­den Absatz.

Johan­nes Schif­fel­holz

Ein kul­tu­rel­les Kenn­zei­chen sei­ner Zeit war jedoch unbe­strit­ten – die Asso­zia­ti­on der mensch­li­chen Sexua­li­tät mit Unsitt­lich­keit und Scham als direk­te Fol­ge der Erb­sün­de. Die­se aus dem Mit­tel­al­ter über­nom­me­ne Sexu­al­mo­ral kol­li­dier­te, zumin­dest in der Kunst der Renais­sance, im 16. Jahr­hun­dert mit den Dar­stel­lun­gen nack­ter Kör­per​3​ als Fol­ge einer Beschäf­ti­gung mit anti­ken Ideen und Göt­ter­epen4​. Das Bild der nack­ten Hexe hat der Künst­ler aller­dings nicht aus dem Mit­tel­al­ter über­nom­men, denn Dar­stel­lun­gen unbe­klei­de­ter Dru­den sind vor 1500 rar gesät5. Ob Dürer mit dem Ein­bin­den okkul­ter Ele­men­te in sei­nen Akt­zeich­nun­gen das Dar­stel­len ent­blöß­ter Kör­per, vor einer an sich prü­den Gesell­schaft, legi­ti­mie­ren woll­te ist bis heu­te aller­dings strit­tig6. Wie wir spä­ter noch fest­stel­len wer­den, liegt eine Deu­tung hin­sicht­lich sexu­el­ler Bezü­ge nicht fern. Das The­ma Frucht­bar­keit und Ero­tik zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschich­te des Sym­bols des rei­ten­den Hexen­weibs.

Sozial und Sittenmoralische Deutung

Die gän­gigs­te Deu­tun­gen des Wer­kes Die Hexe, im Hin­blick auf sexu­el­le und sozia­le Moral­vor­stel­lun­gen des 16.Jahrhunderts, habe ich fol­gend zusam­men­ge­fasst.

Der Mantel

Pate für den Man­tel könn­te eine klei­ne Sta­tue im Müns­ter von Frei­burg gestan­den haben. Die­se Dar­stel­lung einer unbe­klei­de­ten Frau, die die Sün­de ver­kör­pern soll, trägt einen Man­tel aus Zie­gen­fell, der nicht ver­hüllt son­dern nur umge­legt ist. Auch hier begeg­net uns schon die Ver­bin­dung zwi­schen Sün­de, Zie­ge und Sexua­li­tät.

Fliegendes Haar

Haar wird oft mit Kraft und Sexua­li­tät asso­zi­iert, das wild flie­gen­de Haar könn­te ein Aus­druck für unge­zü­gel­tes weib­li­ches Ver­lan­gen oder aber auch für »unkeusch« aus­ge­leb­tes Sexu­al­le­ben sein.

Rückwärts reiten

Das Umkeh­ren eines nor­ma­len Vor­gangs wie des Rei­tens, ist im 16. Jahr­hun­dert ein ver­brei­te­tes Sym­bol für eine ver­kehr­te (geschlecht­li­che) Welt, in Ver­bin­dung mit der Zie­ge als Reit­tier könn­te das rück­wärts gewand­te Rei­ten ein Sym­bol für die befürch­te­te sexu­el­le Domi­nanz der Frau gegen­über dem Mann sein. 

Der Griff an das Horn

Jeman­dem Hör­ner auf­set­zen, bedeu­tet auch heu­te noch Untreue. Zu Zei­ten Dürers ver­lor ein Mann sei­ne Ehre, wenn er ande­ren Män­nern, ganz wie ein gei­ler Zie­gen­bock, »Zugang« zu sei­ner Part­ne­rin gewähr­te. Even­tu­ell wird hier weib­li­che Selbst­be­stim­mung und sexu­el­le Unab­hän­gig­keit dar­ge­stellt. 

Die Putten

Die Rol­le der Put­ten ist noch schwe­rer zu deu­ten als die rest­li­chen Sym­bo­le. Ein­mal sol­len sie die 4 Jah­res­zei­ten dar­stel­len, die durch Wet­ter­zau­ber in Unord­nung gera­ten sind, ein ander­mal sol­len sie im Kon­trast zur Hexe die Jugend und Unschuld dar­stel­len.

Die Spindel

In anti­ken Dar­stel­lun­gen trägt die Hexe, als Bei­spiel kann Heka­te ange­führt wer­den, als Attri­but oft eine Fackel, wel­che als das Licht der Weis­heit gedeu­tet wer­den kann. In Dürers Fall ist das Attri­but eine Spin­del, was ent­we­der, wie spä­ter bei Bal­dung Grien, im Zusam­men­hang mit dem Weben des Schick­sals­fa­dens durch die Nor­nen gedeu­tet wer­den könn­te, oder aber im Kon­text mit den ande­ren bereits ange­führ­ten Sym­bo­len. wie­der­um sexu­ell gewer­tet wer­den kann. Die Spin­del, ein damals rein weib­lich beleg­tes Werk­zeug »ent­wächst« dem Schoß der alten Frau wie ein Phal­lus. Auch hier könn­te eine befürch­te­te Umkehr sozia­ler Nor­men und Wer­te über die Sexua­li­tät eine Rol­le gespielt haben. 

Die antiken Vorbilder von Dürers Die Hexe: Die Italienreise des Künstlers bringt alte Göttinnen auf den Plan

Dürers Welt war, wie wir bereits erfah­ren konn­ten, gekenn­zeich­net von der schwär­me­ri­schen Begeis­te­rung für die Anti­ke. Und auch der Maler unter­nahm min­des­tens eine Fahrt nach Ita­li­en, genau­er gesagt nach Rom.

arti­cle/­die-zie­gen­rei­te­rin-hexe-got­tin-erd­mut­ter/Ein uner­mess­li­cher Schatz an Ideen, Sym­bo­len und Geschich­ten muss sich für den Künst­ler auf sei­nen Rei­sen in die Län­der des Südens auf­ge­tan haben, als er mehr über Cir­ce, Dia­na, Heka­te Medea und Aphro­di­te an ihren eins­ti­gen Kult­stät­ten in Erfah­rung brin­gen konn­te. Einen ganz beson­de­ren Ein­fluss auf die Ent­ste­hung des berühm­ten Kup­fer­stichs scheint aller­dings eine Dar­stel­lung der Aphro­di­te Epi­tra­gia gehabt zu haben, deren Ori­gi­nal zwar ver­schol­len scheint, von der sich aber den­noch unzäh­li­ge Dar­stel­lun­gen im gan­zen Mit­tel­meer­raum erhal­ten haben. Dürer muss die­se Dar­stel­lung gekannt haben, denn es zei­gen sich ein­deu­ti­ge Par­al­le­len zwi­schen dem Werk des Künst­lers und dem alter­tüm­li­chen Vor­bild.

Aphrodite Epitragia – Die Liebesgöttin des einfachen Volkes reitet die Ziege

Ver­mut­lich liegt dem Kunst­werk des berühm­ten Nürn­ber­gers eine Dar­stel­lung des anti­ken Bild­hau­ers Sko­pas zugrun­de, der die Aphro­di­te Epi­tra­gia (7) im 4. Jahr­hun­dert vor Chris­tus als Kup­fer­plas­tik schuf. Dem Rei­se­schrift­stel­ler und Geo­gra­fen Pau­sa­ni­as zufol­ge, fer­tig­te Sko­pas das Stand­bild für den Tem­pel der Aphro­di­te in der Stadt Elis an. Dort fun­gier­te die Plas­tik, der auf einer Zie­ge rei­ten­den, Aphro­di­te als Gegen­stück zur Aphro­di­te Ura­nia (8).

Unter­schie­de zwi­schen den bei­den Inkar­na­tio­nen Aphro­di­tes, Ura­nia und Epi­tra­gia, zei­gen sich unter ande­rem schon bei der Wahl des Reit­tiers in der Iko­no­gra­phie. Die Archäo­lo­gin Ursu­la Knig­ge führt an, dass Ura­nia auf einem Schwan rei­te und dem Mor­gen­stern zuge­ord­net wer­den kön­ne, Epi­tra­gia dage­gen rei­te eine Zie­ge und wäre dem Abend­stern ver­pflich­tet. Wäh­rend Aphro­di­te Ura­nia für die Defi­ni­ti­on einer Lie­be steht, die mehr spi­ri­tu­ell zu begrei­fen ist und gött­li­che Sphä­ren berührt, so ist die Epi­tra­gia für die For­men der Lie­be zustän­dig, die weni­ger die Bedürf­nis­se der See­le son­dern mehr die Bedürf­nis­se des Kör­pers befrie­digt. Auch hier sehen wir das Sym­bol­tier der Zie­ge schon als Syn­onym für Sexua­li­tät, eine Asso­zia­ti­on, die sich bis heu­te erhal­ten hat und ver­mut­lich von der christ­li­chen Kir­che im Lau­fe der Zeit, ent­spre­chend sprö­der Moral­vor­stel­lun­gen, dämo­ni­siert wur­de. 

Ent­spre­chend lust­be­tont muss sich wohl auch der Kult der Aphro­di­te gestal­tet haben (9). Die Aphro­di­si­en etwa, pri­va­te Fei­ern zu Ehren der Lie­bes­göt­tin, sol­len eher orgi­as­ti­scher Natur gewe­sen sein. Auch ein ver­bor­ge­ner Mys­te­ri­en­kult ist auf­grund des pri­va­ten Cha­rak­ters nicht aus­zu­schlie­ßen. Die viel­zi­tier­te Tem­pel­pro­sti­tu­ti­on hin­ge­gen hat in der Ver­eh­rung der Göt­tin, neue­ren Erkennt­nis­sen nach, wohl kei­ne Rol­le gespielt und ist eher im Reich der Phan­ta­sie zu ver­or­ten. 

Auf Kre­ta, im Hei­lig­tum von Syme zum Bei­spiel, lässt sich eine dau­er­haf­te kul­ti­sche Ver­eh­rung der Aphro­di­te, in ihrer Funk­ti­on als Göt­tin der Ero­tik und Frucht­bar­keit, bis in das Jahr 2000 vor Chris­tus durch die Aus­wer­tung archäo­lo­gi­scher Fun­de nach­wei­sen. Aller­dings scheint sich hier das Motiv der, auf der Zie­ge rei­ten­den, Göt­tin in den Jahr­hun­der­ten zu ver­lie­ren, Göt­ter­fi­gur und Tier gehen getrenn­te Wege, die Tie­re wer­den aber oft in beglei­ten­der Funk­ti­on dar­ge­stellt. Untrenn­bar mit dem Dienst an den Göt­tern ver­bun­den bleibt die Zie­ge den­noch. Als frü­hes­tes, von der Mensch­heit in der Jung­stein­zeit, domes­ti­zier­tes Her­den­tier nimmt sie einen wich­ti­gen Platz im Opfer­ri­tus vie­ler Kul­tu­ren ein. So gibt es auch im Kult der grie­chi­schen Aphro­di­te Bele­ge für das Zie­gen­op­fer an die Göt­tin. So sol­len ihr wei­ße, männ­li­che Zick­lein als Geschenk dar­ge­bracht wor­den sein und zahl­rei­che Geschich­ten aus der grie­chi­schen Mytho­lo­gie erwäh­nen die Zie­ge als Opfer­tier (10).

Von der Potnia Theron – Die Herrin der wilden Tiere bis zur großen Göttin

So schwam­mig die Spur hier auch wird, fin­den sich doch noch kon­kre­te bild­li­che Dar­stel­lun­gen aus der ägäi­schen Kul­ti­ko­no­gra­phie, die weib­li­che Gott­heit und Tier in Ein­klang brin­gen. Aus der früh­ei­sen­zeit­li­chen Epo­che bzw. der Bron­ze­zeit des Mit­tel­meer­rau­mes ist uns das gut beleg­te Bild der »Her­rin der Tie­re« über­lie­fert. Ich per­sön­lich gehe davon aus, dass die Urmut­ter unse­rer rei­ten­den Hexe wohl irgend­wo in der Figur der Pot­nia The­ron steckt, der Her­rin der wil­den Tie­re, die es ver­steht die Geschöp­fe der Wild­nis ohne Gewalt und nur durch gött­li­che Prä­senz in ihren Bann zu zie­hen.

Erst­mals tritt die­se im 3. Jahr­tau­send v. Chr. im minoi­schen Kre­ta in Erschei­nung. Nach­dem sie lan­ge, vor allem in archai­scher Zeit, als »Her­rin der Tie­re« ver­ehrt wur­de und sich gro­ßer Beliebt­heit erfreu­te, ging sie Stück für Stück im Pan­the­on römi­scher Göt­tin­nen auf und wur­de schließ­lich nur noch mit die­sen asso­zi­iert, wobei ihre eigent­li­che Per­son voll­kom­men in Ver­ges­sen­heit geriet. Beson­ders in Aphro­di­te, Deme­ter, Heka­te, Arte­mis, Kore und Eileit­hya leb­te ihr Kul­tus fort. Die Urform der Pot­nia The­ron ist nicht als ein­zel­ne Gott­heit zu begrei­fen, son­dern mehr als ein Sche­ma für ver­schie­de­ne, auch loka­le Göt­tin­nen, mit der sel­ben Funk­ti­on. Die Pot­nia The­ron ist die Bezwin­ge­rin des Todes, die Beschüt­ze­rin der wil­den Tie­re, der Natur und der Frucht­bar­keit. Damit steht sie einer Linie ori­en­ta­li­scher Göt­tin­nen wie Ishtar und Astar­te nahe, die als Mut­ter­göt­tin­nen fun­gie­ren (11).

Nach K. Schuh­mann, deren Magis­ter­ar­beit Die Schö­ne und die Bies­ter — Die Her­rin der Tie­re im bron­ze­zeit­li­chen und früh­ei­sen­zeit­li­chen Grie­chen­land, ich die­se Infor­ma­tio­nen ent­nom­men habe, ist die Pot­nia The­ron die Ver­kör­pe­rung der Anbe­tung der Erde selbst, Aus­druck eines spi­ri­tu­el­len Anspruchs, der sich seit der Früh­zeit der Mensch­heit durch unser Got­tes­er­le­ben zieht. 

Mit mei­nen Recher­chen bin ich also aus­ge­hend von Niko­s­idi­os zeit­ge­nös­si­scher Dar­stel­lung über Dürers Kup­fer­stich Die Hexe aus dem 15. Jahr­hun­dert, über Sko­pas Bron­ze­plas­tik der Aphro­di­te Epi­tra­gia aus dem 4. Jahr­hun­dert v. Chr. bis zur Her­rin der Tie­re im 3. Jahr­tau­send vor Chris­tus gereist. Unse­re Hexe ist schein­bar einen wei­ten Weg gerit­ten, von der viel­ver­ehr­ten Erd­göt­tin der frü­hen Mensch­heit, zur grie­chi­schen Aphro­di­te, bis hin zur las­ter­haft sün­di­gen Hexe und hin­ein in die dunk­le Pop­kul­tur. 

Referenzen & Quellenangabe

  1. Zum Pro­blem: Dürer und die Anti­ke, Charmi­an Mesen­ze­va, Zeit­schrift für Kunst­ge­schich­te, 46. Jahr­gang (1983), Heft 2, Sei­te 187 – 202.
  2. The Wit­ches of Dürer and Hans Bal­dung Grien, Mar­ga­ret A. Sul­li­van, Renais­sance Quar­ter­ly.
    Ein Ver­such die Bil­der bei­der Künst­ler von dem Vor­wurf zu befrei­en, direkt oder indi­rekt zu der hys­te­ri­schen Jagd auf Hexen und Hexer bei­getra­gen zu haben. Mar­ga­ret A. Sul­li­van unter­sucht die Bil­der mit Hexen­the­ma­tik unter huma­nis­ti­schen Gesichts­punk­ten.
  3. Bereits 1497 sorg­te Dürer mit sei­nem Werk Die Vier Frau­en, wel­ches ähn­lich schwer zu deu­ten scheint wie Die Hexe, für offe­ne Mün­der bei sei­nen Zeit­ge­nos­sen. Der Künst­ler griff hier auf das pral­le Leben zurück, über­wand die pup­pen­ar­ti­gen Dar­stel­lun­gen der Gotik, und zeich­ne­te den ers­ten rea­lis­ti­schen Akt der Kunst­ge­schich­te.
  4. Geschich­te der Frau­en, Geor­ges Duby und Michel­le Per­rot, von https://​ars​fe​mi​na​.de/​b​u​c​h​/​g​e​s​c​h​i​c​h​t​e​-​d​e​r​-​frauen, auf­ge­ru­fen am 03.10.2019.
  5. The Wit­ches of Dürer and Hans Bal­dung Grien, Mar­ga­ret A. Sul­li­van, Renais­sance Quar­ter­ly, Sei­te 354.
    Die Autorin legt anhand ver­schie­de­ner Bei­spie­le aus der Kunst vor 1500 dar, dass Nackt­heit und Hexen­tum erst mit Dürer eine Fusi­on in der Kunst ein­gin­gen. Ent­spre­chen­de Zeich­nun­gen aus dem Mit­tel­al­ter vor 1500 die nack­te Frau­en, die auf Tie­ren rei­ten, zum Inhalt haben, sind zumeist nur mit Sexua­li­tät asso­zi­iert und ber­gen dar­über­hin­aus kei­ne Anhalts­punk­te für okkul­te Sach­ver­hal­te.
  6. Künst­ler, die ero­ti­sche Sujets und Akte bedien­ten, legi­ti­mier­ten die beab­sich­tig­te ero­ti­sche Wir­kung vor der Kir­che oft mit der Ver­bin­dung zum gru­se­lig über­na­tür­li­chen. Hexen durf­ten wohl nackt dar­ge­stellt wer­den, da sie ja das Sün­di­ge reprä­sen­tier­ten. Offen­sicht­lich erfreu­te sich die Män­ner­welt an die­ser Art der Abbil­dung. Dürers Vier Hexen fand rei­ßen­den Absatz.
  7. Epi­tra­gia meint Auf oder bei einem Bock. Schon Aris­to­te­les beschei­nigt dem Sexu­al­ver­hal­ten jun­ger Män­ner etwas, dass an die sprich­wört­li­che Trieb­haf­tig­keit von Zie­gen­bö­cken erin­nert. Jun­ge Män­ner wur­den dem­entspre­chend auch gele­gent­lich als tra­goi, also Böcke, bezeich­net. (Quel­le: Wiki­pe­dia Ein­trag Die Haus­zie­ge
  8. Zum Pro­blem: Dürer und die Anti­ke, Charmi­an Mesen­ze­va, Zeit­schrift für Kunst­ge­schich­te, 46. Jahr­gang (1983), Heft 2, Sei­te 187 – 202.
    Ura­nia bezeich­net »die Himm­li­sche« und ver­weist auf ihre Her­kunft. Ura­nus, der Herr des Him­mels, ist der Legen­de nach der Vater der Aphro­di­te. Ihre Geburt hat sie aller­dings auch einem Akt der Gewalt zu ver­dan­ken. Kro­nos, Sohn von Ura­nus und Gaia tötet den Vater, ver­stüm­melt ihn und wirft des­sen Glied ins Meer. Aus des­sen Blut und Samen ent­steht Aphro­di­te, die »Schaum­ge­bo­re­ne«.
  9. Aphro­di­te war nicht nur Lie­bes­göt­tin, son­dern ver­ein­te auch noch ande­re Aspek­te in sich. So hat­te sie auch eine blut­rüns­ti­ge, krie­ge­ri­sche und mör­de­ri­sche Sei­te, die im Kult wohl eben­falls eine Rol­le gespielt haben muss.
  10. Zum Ado­nis­fest, Carl Watz­in­ger. Aus Anti­ke Plas­tik, Sei­te 261 – 266, De Gruy­ter Ver­lag, 1928.
  11. Magis­ter­ar­beit Die Schö­ne und die Bies­ter — Die Her­rin der Tie­re im bron­ze­zeit­li­chen und früh­ei­sen­zeit­li­chen Grie­chen­land, Kirs­tin Schuh­mann, 2009