Sommer­son­nen­wende: Der längste Tag und die kürzeste Nacht, der Jahres­kreis ist bestimmt von Licht, Sommer und Lebens­freude… Doch bei genauerer Betrachtung der Natur sehen wir in den Wäldern die Tollkir­schen blühen, gleich­zeitig wunder­schön und tödlich giftig und während wir vielleicht ihre Blüten und Früchte für die Hexen­kunst pflücken, uns in der dichten Botanik bewegen, schlägt uns ein süßlich-absto­ßender Geruch entgegen. Die Suche nach seiner Herkunft endet an einem toten Dachs, dessen Schädel und Skelett dank Maden, Käfern und anderem Gewürm schon fast freiliegen. Ein grausiger Anblick — oder auch nicht – denn gedanklich steht der kostbare Schädel dieses schama­ni­schen Tieres der Kräuter­kunde und Heilkunst doch schon auf dem heimi­schen Natur­altar… 

Wir wissen, dass der Höhepunkt des Sonnen­lichts nun überschritten ist und die Tage schon in wenigen Wochen merklich mehr und mehr von der Dunkelheit beherrscht werden. Für unseren Dachs endete der Sommer nicht in Licht und Fülle, sondern im Tod, der im selben Moment für die Welt der Insekten ein kleines Paradies eröffnet hat und neue Nährstoffe für die Tollkir­schen hinter­lässt. Die Natur hat nicht nur eine helle, lichte Seite! Wo Licht ist, ist immer auch Schatten: 

Die dunkle Seite der Natur!

© Atelier BUSSARDFLUG / Photography of the 9 Sacred Worlds – “Nightshade Blessings”
© Atelier BUSSARDFLUG / Photo­graphy of the 9 Sacred Worlds – “Nightshade Blessings”

Der natur­spi­ri­tuelle Mensch der heutigen Zeit wird überflutet von einer in jeder Hinsicht kommer­zia­li­sierten Welt, Spiri­tua­lität und Religio­sität sind käuflich geworden – im Angebot durch Menschen, die mit der Materie selbst persönlich oft Nichts zu tun haben, sondern sich nur in den Vermark­tungs­stra­tegien der westlichen Welt bestens auskennen und sich den Zeitgeist mit seinen Bedürf­nissen eben zunutze machen. Selbst­er­nannte „Schamanen“, die ihre kostspielige schama­nische Ausbildung und die Kräuter­päd­agogik gerade erfolg­reich in einschlä­gigen Schulen und Akademien absol­viert haben, präsen­tieren sich an anderer Stelle in weißen Gewändern und mit offenen Armen, lachend und freuden­tanzend in der Natur, um uns aus voller Überzeugung zu helfen und uns gegen Bezahlung glücklich zu machen. Welch eine schöne und so harmo­nische Welt um uns herum doch scheint! Mit dem Motto „Licht und Liebe“ können wir schließlich Alles erreichen und werden dabei vollkommen wohlfühlend und mühelos zu unserer Selbst­ver­wirk­li­chung gelangen, so lautet ihr Versprechen… Solange wir nur ihren blendenden Vorgaben folgen und uns keines­falls irgend­welchen finsteren, „bösen“ Dingen zuwenden, die von ihnen auch ganz simpel in der Farbe Schwarz oder in bestimmter „teufli­scher“ Musik definiert werden…

Das Schwarz-Weiß-Denken früherer Jahrhun­derte existiert genauso in der heutigen Gesell­schaft wie die klassi­schen Klischees. Die vermeint­liche „Erleuchtung“ unseres Zeitalters hat uns hier kaum voran­ge­bracht. Natur­spi­ri­tua­lität und Dunkelheit – es kann ja nicht sein, was nicht sein darf! Und doch… Ich verbinde in meiner Arbeit beide Aspekte und überschreite damit, als Autorin und angehende Person der Öffent­lichkeit sicher Grenzen, beschreite aber auch Neuland außerhalb aller bestehenden Dogmen. Als vermeintlich irrge­leitete Persön­lichkeit mit einer Vorliebe für schwarze Kleidung, wurde mir auch schon die Typbe­ratung – selbst­ver­ständlich nur zu meinem Wohl, aber außerdem zu meiner besseren Verkäuf­lichkeit – wohlmeinend angeraten. Doch ich verzichte gern auf die Wollsocken in allen Regen­bo­gen­farben und auf das aufge­setzte übertriebene Lachen, zugunsten meiner Würde und Authen­ti­zität, mit schwarzem Hut und vor der Natur, die mir Alles im Leben gibt. Wir sind ihre Geschöpfe und sind exakt so, wie sie uns gelehrt und auf unsere Aufgaben vorbe­reitet hat, richtig. Dazu gehört, vollkommen indis­ku­tabel, auch der Weg der „Dunklen Natur­spi­ri­tua­lität“.

© Atelier BUSSARDFLUG / Photography of the 9 Sacred Worlds – “Black Arts”
© Atelier BUSSARDFLUG / Photo­graphy of the 9 Sacred Worlds – “Black Arts”

Dunkle“ und „Helle“ Natur­spi­ri­tua­lität gibt es in diesem Sinne selbst­ver­ständlich nicht, genauso wenig wie „Weiße“ und „Schwarze“ Magie – auch wenn wir sie in unseren Weltbildern natürlich derart gestalten können. Licht und Dunkelheit bilden eine ewige Einheit in der Natur und ihrer Transzendenz. Doch es ist nicht unsere Aufgabe, die Dunkelheit in uns zu bearbeiten und zugunsten des Lichts auszu­merzen, um „bessere“ Menschen voller Licht und Liebe zu werden. Nein! Die Kunst ist es, unsere dunkle Seite anzuer­kennen und uns auch darin zu verwirk­lichen, sie für unseren persön­lichen Lebensweg und unser seelisch-geistiges Wachstum produktiv einzu­setzen. Geschieht dies rituell in tiefer Verbindung mit der Natur und auch ihrer dunklen Seite, vielleicht mithilfe schama­ni­scher Praktiken oder auf den ganz tradi­tio­nellen Hexen­pfaden, die sowieso untrennbar mit der Natur verknüpft sind, so spreche ich gern von „Dunkler Natur­spi­ri­tua­lität“. Denn dieser Begriff vermag es, all die Indivi­dua­lität dieser Wege angemessen in sich zu vereinen, ohne zu werten und ohne auszu­schließen. Die Natur lehnt uns als ihre suchenden Geschöpfe niemals ab und schwarze Kleidung ist genauso wenig ein Kriterium wie weiße. Nur die Tore in der sicht­baren und unsicht­baren Welt der Natur, die wir mit den jewei­ligen natur­spi­ri­tu­ellen Praktiken für uns öffnen können, unter­scheiden sich je nachdem, mit welchen ihrer Kräfte, Mächte und Gottheiten wir uns verbinden. 

image3-21

Meine persön­lichen Gründe, auch die dunklen Pfade der Natur­spi­ri­tua­lität zu beschreiten, sind lebenslang. Als ewige Außen­sei­terin hatte ich geistig freien Raum, hinzu­sehen und mir meine eigenen Gedanken zu machen. Ich würde mein bishe­riges Leben nicht als glücklich, behütet und sorglos beschreiben. Ich war immer allein und musste mir selbst helfen. Es gab kein Licht, es gab keine Liebe — aber es gab, da es ja keine Leere gibt, eine Fülle von Leiden und Dunkelheit… Und es gab mich selbst sowie die Dinge in und aus der Natur, die mir trotzdem Freude mach(t)en und mein Leben bereicher(te)n. Für all die Finsternis empfinde ich dennoch tiefste Dankbarkeit. Erst sie kann uns wahrlich zu unserer Selbst­ver­wirk­li­chung führen, denn sie ist eine Heraus­for­derung. Nur in der Dunkelheit können wir unser Licht aus uns selbst heraus zum Leuchten bringen. Je mehr wir uns bemühen müssen und je mehr wir dafür kämpfen müssen, desto stärker werden wir aus diesen Phasen hervor­gehen. Auch darin, zu uns selbst zu stehen. Je wichtiger unsere Aufgaben im Leben sind, desto mehr Mut und Kampf­geist fordert es von uns. Auch die Natur und ihre Geisterwelt werden uns prüfen, wenn wir uns natur­spi­ri­tuell berufen fühlen. Erst in dieser Dunkelheit werden wir also tatsächlich zu uns selbst finden und können die Tore für uns öffnen, wenn wir bereit sind und den Willen dazu haben, unsere Grenzen zu überwinden und alle Ängste und Bequem­lich­keiten zurück­zu­lassen, um diese persön­lichen Prüfungen zu bestehen und unseren Sinn zu finden. 

© Atelier BUSSARDFLUG / Photography of the 9 Sacred Worlds – “Angel Wings”
© Atelier BUSSARDFLUG / Photo­graphy of the 9 Sacred Worlds – “Angel Wings”

Schwarz ist die Farbe der Geheim­nisse und Mysterien — dessen, das wir nicht direkt sehen können. Schwarz ist die Farbe des absoluten Poten­zials und des Transzen­denten. Trans­for­mation geschieht erst im Erlöschen des Lichts und in der Neuerschaffung aus dieser Dunkelheit heraus, die eben nicht Leere ist, sondern Alles in sich vereint. So ist es kein Zufall, dass in der Natur die schwarzen Raben und Krähen als Götter­vögel genauso für das Dunkle wie für die Schöp­fer­kraft stehen, für Transzendenz und Trans­for­mation sowie für das myste­riöse Unsichtbare, für die Anderswelt. In gleicher Weise und doch anders tut es Weiß, als Farbe des heiligen und Spiri­tu­ellen, ohne die wir weder das Eine noch das Andere überhaupt wahrnehmen und fühlen könnten. Alle diese Aspekte sind untrennbar mitein­ander vereint. Im Norden unseres Landes zeigen uns schwarze Rehe neben normal­ge­färbten, eigentlich Symbol­tiere der Sonnen­kulte, mit ihrem außer­ge­wöhnlich „fehlge­färbten“ dunklen Fell diese Dualität von Licht und Dunkelheit in der Natur, während ein weißes Reh zweifellos ein Wesen der Geisterwelt ist, das eine ganz besondere Bedeutung hat.

Mit aktiver oder passiver Zerstörung wird auch immer Potenzial in Bewegung gebracht und freige­setzt: Sei es, dass wir Lebens­phasen verab­schieden (müssen) und in unserem Leben damit Raum für Neues und positive Verän­de­rungen ermög­lichen. Sei es, dass wir in einer Räucherung bewusst Pflanzen verbrennen, also ihre physische Existenz auflösen und mit dem Freisetzen der Pflan­zen­geister in der unsicht­baren Welt gewünschte Prozesse in Gang bringen. Sei es, dass in den Wäldern, wenn es sein soll, das heilige Blut eines erlegten Wildes den Boden tränkt und dieses Opfer an die Geisterwelt dazu beiträgt, die Kommu­ni­kation und magische Arbeit in der Natur auf eine Art und Weise zu bedingen, die sich von anderen Praktiken in ihrer Inten­sität und Wirksamkeit unter­scheidet. Zerstö­re­ri­sches Potenzial und Schöp­fer­kraft, die sich im Gleich­ge­wicht befinden, haben eine fast grenzenlose Macht der Verwirk­li­chung und Freiheit und sind sehr segens­reich. So ist es geradezu sinnvoll, seine Stärke auch aus der Dunkelheit zu beziehen und beides auszu­leben.

© Atelier BUSSARDFLUG / Photography of the 9 Sacred Worlds – “Symbols”
© Atelier BUSSARDFLUG / Photo­graphy of the 9 Sacred Worlds – “Symbols”

Soviel sie uns geben kann, wir können diese Dunkelheit trotzdem nie vollkommen überwinden, denn wir sind als Menschen, wie alle Geschöpfe, Teil der Natur und ihrer Vergäng­lichkeit. Wie bei jedem anderen Lebewesen auch, unter­liegt unser Leben in seiner manifes­tierten Form ebenso der physi­schen Vernichtung durch eben jene Dunkelheit. Aber wäre diese ewige Zerstörung und Neuerschaffung in der Natur nicht so, wie sie ist, dann hätte die Dunkelheit unser Licht auch nie hervor­bringen können. Dunkle Natur­spi­ri­tua­lität bedeutet deswegen auch, sich dieser Kreis­läufe zu besinnen und sie beispiels­weise im Jahres­kreis zu zelebrieren. Unser Tierschädel auf dem Natur­altar darf uns gefallen und faszi­nieren, „the beauty in death“, dies ist natürlich und keine sündhafte und schänd­liche, kontra­pro­duktive Handlung. Es ist fester Teil dieser Welt, welcher auch der kulturell westliche, „moderne“ Mensch trotz aller Überheb­lichkeit gegenüber der Natur nicht entfliehen kann. Andere Kulturen, welche diese Tatsachen nicht verdrängen, bringen uns einen anderen Umgang mit diesen Themen nahe, so wie dies auch die ureuro­päi­schen schama­nisch orien­tierten Kulturen wieder sehr stark in unser Bewusstsein bringen. Letzt­endlich können wir unser Leben und unser Licht nur wirklich wertschätzen, wenn wir in der Dunkelheit, nach Arbeit und nach manchen Selbstopfern, in Dankbarkeit, ihre Einma­ligkeit und Kostbarkeit wahrnehmen und erkennen. Dies ermög­licht uns die dunkle Seite der Natur besonders dann, wenn wir auch in dunkler Natur­spi­ri­tua­lität wandeln.

:Black Moon Vagaobond / Atelier Bussardflug: